im August 2012

Exodus der Deutschen hat geschadet

Die Aussiedlung der Deutschen hat Rumänien anscheinend mehr geschadet, als der mit der Bundesrepublik Deutschland eingefädelte Menschenhandel eingebracht hat. Diesen Schluss lassen Aussagen von Ştefan Andrei, ehemaliger rumänischer Außenminister (1978-1985) und langjähriger Begleiters Ceauşescus, zu.

 

Der Weggang der Deutschen, für die der deutsche Staat Kopfgelder bezahlt hat, war gleichbedeutend mit dem Verlust von unersetzbaren hoch qualifizierten Fachleuten. Was Andrei nicht sagt, ist aber hierzulande bekannt: Diese Leute waren noch nicht in Deutschland angelangt, hatten aber schon einen Arbeitsplatz gesichert, beispielsweise bei Mercedes, BMW oder Audi. Der Menschenhandel war für Rumänien nur scheinbar ein Geschäft, für Deutschland hat er sich auf alle Fälle gelohnt. Denn: Die Schul- und Berufsausbildung eines Jugendlichen hat hierzulande mehr als das Zehnfache des Kopfgeldes betragen. Das Kopfgeld betrug in den 1960er Jahren im Durchschnitt 3250 Mark, es wurde 1978 auf 4000 und 1983 auf 7800 Mark erhöht. Andrei (Jahrgang 1931), der nach einem Studium der Ingenieurswissenschaften Anfang der 1960er Jahre in die Politik gegangen ist und von 1987 bis 1989 Stellvertretender Premier war, bestätigt damit nur das, was jeder Banat- oder Siebenbürgen-Besucher gut ein Jahr nach dem Sturz der Diktatur 1989 und dem Massenexodus der Deutschen zu hören bekommen hat: Es gibt kaum noch jemanden, der einem eine Waschmaschine oder einen Fernseher reparieren kann.

Das war für jeden Verbliebenen klar ersichtlich. Was aber kaum jemand wusste, das bekennt Andrei gegenüber Professor Lavinia Betea, die an der Universität „Aurel Vlaicu“ in Arad lehrt: In den 1980er Jahren konnten beispielsweise Lastkraftwagen aus Kronstadt wegen gravierender Mängel nicht mehr im Ausland verkauft werden. Andrei: „Es hat einen großen Unterschied gegeben zwischen den Erzeugnissen aus Bihor, Klausenburg oder Kronstadt und denen aus Vaslui. Außerdem hat es einen massiven Bevölkerungswechsel in Kronstadt gegeben. Das Lastkraftwagenwerk ist moldauisiert worden.“

Und Lavinia Betea fügt hinzu: „In sämtliche Siebenbürger Berufsschulen wurden Jugendliche aus der Moldau gebracht. In Hintergrund­gesprächen hat es geheißen, dass damit ein Bevölkerungszuwachs und ein demographischer Wandel einhergehe, indem die ungarische Minderheit zurückgedrängt werde. Die Deutschen aber waren ausgewandert. Dabei waren doch sie es, die die Gilden gegründet und den Grundstein der siebenbürgischen Industrie gelegt haben. Die ersten Meister in den verstaatlichten Betrieben waren fast ausschließlich Deutsche und Ungarn. In dieser traditionsreichen Meisterschule mit ihrer hohen Arbeitsmoral wurden Generationen von rumänischen Arbeitern geformt.“

Andrei fährt fort: 1959 sei er als Studentenführer in Klausenburg zu einer Stundenunterhaltung eingeladen gewesen. Als er dort die Mädchen mit weißen Handschuhen und die Jungen elegant gekleidet, mit Krawatte gesehen habe, sei er sofort ins Studentenheim gegangen, um sich umzuziehen.

Das Banat habe er erstmals 1943 betreten anlässlich eines Besuchs bei seinem Bruder in Sackelhausen bei Temeswar; sein Regiment hatte sich nach Hatzfeld zurückgezogen. Als der Schwabe, bei dem er übernachtet hatte, ihm Keller und Speisekammer zeigte, sei er angesichts des vielen Fleisches und der Schinken aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Andrei: „In Oltenien war das Schwein bis Mitte März verzehrt.“ Danach sei er in Rekasch und Izvin gewesen und habe die Obstbäume an den Straßenrändern gesehen. Andrei weiter: „Niemand hat dem anderen die Früchte geklaut, und niemand hat das zerstört, was allen gehört hat“.

Dieses Verhalten habe sich auch in der Lkw-Produktion bemerkbar gemacht. Doch das habe sich nach dem Weggang der Deutschen geändert. Die Folge: Die Chinesen als Pragmatiker hätten die Autos in ihre Einzelteile zerlegt und neu montiert. Im Irak habe Präsident Saddam Hussein seinem rumänischen Kollegen Nicolae Ceauşescu frei heraus gesagt: Herr Präsident, Ihre Lkw nicht gut. Sehr gut sind Ihre Waffen, aber die Lkw auf keinen Fall. Sie versagen während der Fahrt. Auch unser Sand mag eine Rolle spielen. Wir haben sie bezahlt, sie bleiben bezahlt. Aber ich verlade sie aufs Schiff und bringe sie auf meine Kosten in den Hafen von Konstanza, und Sie bringen sie zurück ins Werk zur Überprüfung.“

Der Dialog zwischen Lavinia Betea und Andrei offenbart die ganze Tragödie, in die Rumänien und seine Bevölkerung mit dem Einmarsch der Sowjetarmee gestürzt wird und die mit dem Sturz des kranken und senilen Ceauşescu endet.

 

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