Siebenbürgen – in den Karpaten im Zentrum Rumäniens gelegen – ist seit langer Zeit die Heimat der deutschstämmigen Siebenbürger Sachsen. Schon im 12. und 13. Jahrhundert siedelten hier deutsche Sachsen und prägten die Gegend. Besonderes Merkmal sind die mächtigen Kirchenburgen. Als Schutz vor Angriffen wurden sie in dieser recht einsamen Gegend errichtet. Die Siebenbürger hielten durch die Jahrhunderte fest an ihrer deut­schen Tradition und blieben unter sich, so dass sie auch heute noch Deutsch sprechen. Steigt man in der rumänischen Hauptstadt Bukarest aus dem Flieger und fährt in Rich­tung Karpaten, so entdeckt man eine ziemlich fremde, aber hochinteressante Welt.

 

Eine Reise in die Vergangenheit

Ja bin ich denn in der Jugendzeit mei­nes Großvaters gelandet? Wir fahren durch die Außenbezirke der Großstadt Bukarest in Richtung Karpaten. Je näher die Berge rücken, desto mehr Pferdefuhr­werke und Gemüsestände sehen wir. Rote Paprika, dunkle Auberginen, rötliche Zwiebeln, dicke grüne Melonen liegen oder hängen tausendfach am Weg. In der Nähe eines Flusses stolzieren jede Men­ge Störche durch die Wiesen, links und rechts der Straßen liegen Zigeunerdörfer mit kleinen, windschiefen Häuschen. Un­glaublich: Dort auf der Wiese liegt ein Scherenschleifer und wartet auf Kund­schaft. Und auf einem kleinen Marktplatz sehen wir einen bärtigen Schausteller, der einen Tanzbären am Nasenring durch die Menge zerrt.

Zwischen den wenigen Ortschaften gibt es Natur, so weit das Auge reicht. Dichte Wälder und Bäche, die auch noch ausse­hen wie Bäche, weil sie offensichtlich nie begradigt wurden. Auf den Wiesen gra­sen unzählige Schafherden. Bei dem strahlenden Sommerwetter ist das ein Idyll wie aus den Anfängen des vergan­genen Jahrhunderts. Eine Zeitreise in eine Welt, die es in Deutschland schon lange nicht mehr gibt.

Eine Welt der Kontraste

Schnell stelle ich fest: Altes und Neu­es, Schönheit und Hässlichkeit, Reich­tum und Armut liegen hier – in einem der ärmsten Länder Europas – dicht beieinan­der. Die Probleme des EU-Landes Rumäni­en sind mit Händen zu greifen: hohe Ar­beitslosigkeit, schlechtes Sozialsystem, Armut sowie immer wieder Differenzen zwischen den verschiedenen Bevölke­rungsgruppen, die man wohl als Rassis­mus bezeichnen muss. Die Schere zwi­schen Reichen und Armen klafft weit aus­einander: Am Rand mancher Städte gammeln verwahrloste Plattenbauten vor sich hin, die Innenstädte dagegen haben sich herausgeputzt mit geschmackvoll sa­nierten historischen Prunkbauten und ver­spiegelten Bankenfassaden. Manche Au­tobahn ist auf ein paar Kilometern perfekt ausgebaut (natürlich mit EU-Mitteln), we­nige Kilometer danach mühen wir uns im Slalom über eine Piste voller Schlaglöcher. Auf dem Weg peilen wir einen für Tou­risten hergerichteten Ort an: das Hohen-zollernschloss Peles, die ehemalige Som­merresidenz der rumänischen Hohenzol-lernkönige mit ihren 160 Gemächern. Das Schloss bietet mit seiner Mischung aus Barock, Rokoko, Renaissance und mauri­schem Stil jede Menge Pracht für Touris­tenkameras. Vor der Tür lockt – als Blick­fang für zahlende Gäste – ein kleiner „Zoo“ mit einem Bären, einer Löwin und zwei Löwenbabys. Ich lerne: Rumänen müssen einfallsreich sein, wenn sie Geld verdienen wollen.

Traditionen festhalten

Ich muss gestehen, dass ich zunächst wenig über die Geschichte der „Sieben­bürger Sachsen“ wusste, denen unser Besuch galt. Ihre Vorfahren waren vor Jahrhunderten aus Deutschland nach Ru­mänien gezogen. Schon ab dem 12./13. Jahrhundert kamen Siedler, sogenannte „Saxones“, von Deutschland ins Zentrum Rumäniens. Dort hielten sie allen Gefah­ren und Angriffen stand und bewahrten als Deutsche streng ihre Traditionen unter Rumänen, Ungarn und anderen Völkern. Noch vor zwei Jahrzehnten lebte etwa eine halbe Million Sachsen in Siebenbürgen (die Zahlen­angaben schwanken erheblich). Inzwischen sind die meisten wegen der Armut und den Fol­gen des Kommunismus unter Staatschef Nicolae Ceausescu (1918 –1989) nach Deutschland ausgewandert.

Zurückgeblieben sind heute weniger als 20.000, die meisten von ihnen sind ältere Men­schen, manche mit einem rumänischen und ei­nem deutschen Pass. Die Folge der Abwande­rung sind viele leerstehende Dörfer, in denen historische Gebäude verfallen. Das deutsche Erbe in Siebenbürgen ist gefährdet.

Die Heimat von „Graf Dracula“

Die Siebenbürger Gegend wird auch Trans-silvanien genannt. Das kommt aus dem Latei­nischen und heißt „Gebiet jenseits der Wäl-der“. Kein Wunder, dass in diesem einst sehr einsamen Landstrich die Gruselgeschichten von blutsaugenden Vampiren angesiedelt wurden. Bekannteste Figur ist „Graf Dracula“, der heute als Touristenattraktion dient. Sein historisches Vorbild – der slawische Herr­scher Vlad Draculea – soll in Schäßburg ge­lebt und gewütet haben. Das Schloss Bran, das Touristen als das „Draculaschloss“ ge­zeigt wird, hat Vlad aber wohl nie betreten. Vampirsouvenirs aus Transsilvanien jedenfalls sollen der Kundschaft das Geld aus der Tasche locken.

Dicke Mauern und hohe Türme

Der im Deutschen gebräuchlichere Name „Siebenbürgen“ deutet wohl auf die ersten sie­ben Kirchenburgen hin, die von den deutschen Siedlern einst gegründet wurden. Diese Kirchen­burgen sind ein beeindruckender Teil der Ge­schichte. Die Wehrkirchen sollten Angriffe von Türken und Tataren mit dicken Mauern, hohen Türmen und viel Platz für Notvorrat und Men­schen abwehren. Mehr als 150 Kirchenburgen stehen noch in Siebenbürgen, einige sind Teil des UNESCO-Weltkulturerbes.

Ein besonderer Jugendtag

Die deutsche evangelische Kirchengemeinde im siebenbürgischen Kleinschelken hatte uns eingeladen, den hier stattfindenden Jugendtag der Evangelischen Kirche Siebenbürgens mit ih­nen zu verbringen und tatkräftig mitanzupacken. Als ich die wackeligen Turmstufen der Klein-schelkener Kirchenburg hinaufsteige, geht mir das Luther-Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ durch den Kopf. Von oben aus habe ich einen atemberaubenden Blick über das enge Karpaten­tal, in dem das einst „deutsche“ Dorf liegt. An die 2.000 Siebenbürger Sachsen lebten hier. Nach dem Ende des kommunistischen Regimes zogen die allermeisten nach Deutschland, nur noch 19 Mitglieder zählt die evangelische Kirchenge-meinde in Kleinschelken heute. Doch immer wie­der kommen die „Sommersachsen“. Das sind Rentner, die einen großen Teil des Jahres in ihrer ursprünglichen Heimat verbringen. Sie kommen zum Gottesdienst und mit dem in Deutschland verdienten Geld renovieren sie die Gehöfte in der alten Heimat und unterstützen Verwandte und Freunde, denen es nicht so gut geht wie ihnen.

Neues Leben in alten Gemäuern

Und die Kleinschelkener renovieren nicht nur die alten Gebäude, aus denen sie stammen, sie investieren auch in die Zukunft der siebenbürgi­schen Kirche: Zwei Mal schon haben sie dem lan­desweiten Jugendtag ihrer Kirche „Zuflucht“ in der Kirchenburg gewährt. An die 150 deutschsprachige junge Leute aus dem gesamten Land sollen auch in diesem Jahr wieder durch die his­torischen Gemäuer der Kirchenburg und das an­grenzende Gelände toben. Sie erleben Ritterspie­le, Konzerte und Bibelarbeiten, werden auf zeit­gemäße Weise zum Glauben an Jesus Christus eingeladen und ermutigt, auch im Alltag als Christ zu leben. Gut möglich, dass die deutsch­sprachige siebenbürgische Kirche nicht noch ein­mal etliche Jahrhunderte überdauern wird. Heu­te aber ist sie erstaunlich lebendig. Und: Es ist ausgesprochen spannend, das mitzuerleben! Seit meinem ersten Besuch vor zehn Jahren bin ich zweimal zurückgekehrt in diesen besonderen Landstrich mit seiner einzigartigen Geschichte. Und ich glaube, ich war nicht zum letzten Mal hier.

„Zuerst erschienen in ideaSpezial - Reisen ist schön 2; 2012“.

Eine Besichtigung wert sind:

Schäßburg: Das malerische Zentrum des „siebenbürgeri-schen Nürnberg“ ist als UNESCO-Weltkultur-erbe geschützt. Höhepunkte sind der Stund­turm, die Bergkirche und die mit wertvollen Teppichen geschmückte Klosterkirche. Infos: www.de.wikipedia.org/wiki/Sighis¸oara

Hermannstadt: Einst eine stark deutsch geprägte Stadt, heute sind nur noch knapp 2% der Bevölkerung deutschstämmig. Trotzdem stellt diese Min­derheit seit zwölf Jahren den Bürgermeister. Die beeindruckende Altstadt bietet ein Muse­um, viel Kultur und den Bischofssitz der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnis­ses in Rumänien (die Kirche der evangelischen Siebenbürger Sachsen). Infos: www.turism.sibiu.ro/index_de.php

Malmkrog: Erstaunlich, dass gerade in diesem kleinen Dorf weit weg von größeren Städten große Kunstschätze auf den Besucher warten (viel­leicht blieben sie gerade wegen der abgelege­nen Lage erhalten): Die romanische Kirche ist mit einmaligen Fresken aus dem 14. Jahrhun­dert geschmückt. Das ist eine Seltenheit - auch im mit Kunstschätzen so reichen Siebenbürgen.                                                                     Infos:www.evang.ro/malmkrog/2008/09/die-kirche.html

Deutschsprachige Gottesdienste:

Kronstadt/Brasov: Schwarze Kirche, Hauptgottesdienst Sonntag, 10.00 Uhr

Schäßburg/Sighisoara: Klosterkirche, Hauptgottesdienst Sonntag 10.00 Uhr

Heltau/Cisnádie, Kirchenburg, Sonntag 10.00 Uhr

Weitere Informationen: www.siebenbuerger.de

 

 

 

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