Es kommt nicht darauf an, geliebt zu werden,
sondern zu lieben.
Es kommt nicht darauf an, zu genießen,
sondern zu schenken.
Es kommt nicht darauf an, sich durchzusetzen,
sondern sich einzusetzen. 

Martin Luther King

im April 2016

Liebe Freunde,

diese Fahrt begann mit Regen und Kälte, und Rumänien empfing uns mit Sonnenschein und Wärme. Für uns war es eine sehr entspannte und

streßfreie Fahrt. Aylin, die älteste Tochter von Johannes trug mit ihrer fröhlichen Art, dazu einen wesentlichen Teil bei. Hier ihre eigenen Eindrücke und Empfindungen:

Alte und neue Geschichten
Ich bin mit ihnen aufgewachsen – mit den Geschichten aus Rumänien. Schon als Kind betrachtete ich auf zahlreichen Vorträgen die Diafotos der Reisen und lauschte den Berichten aus dem mir so fremden Land.
So war die Freude groß, als sich dieses Jahr die Gelegenheit ergab, meinen Vater, Ehrhart und Edith, selbst einmal nach Rumänien zu begleiten. Schon die Fahrt war gefüllt mit lustigen, ernsten und spannenden Anekdoten von früheren Reisen. Nach 27 Stunden Fahrt im Mulitvan mit vollgepacktem Anhänger erreichten wir Sibiu - mit den schneebedeckten Karpaten im Hintergrund und den weiten Flächen umher, ein malerischer Anblick.

Die Stadt selbst, eine Stadt voller Gegensätze: nicht weit von alten Hochhaussiedlungen steht ein neues Shopping-Zentrum, wo sich Läden wie Deichmann oder Kaufland etabliert haben. Durch die Straßen laufen neben Business-Männern in schicken Anzügen Sinti- und Roma- Familien in ihren traditionell bunt gemusterten Kleidern. Ein merkwürdiger Anblick. Sibiu, wie auch ganz Rumänien, hat sich entwickelt. Vor der Reise wurde mir schon gesagt, dass alles nicht mehr so ist, wie es einmal war, jetzt, nachdem Rumänien in die EU aufgenommen wurde.

Inzwischen ist der neue Zaun fertig. Er war nötig, da immer

wieder die herumstreunenden Hunde auf dem Grundstück ihr

Unwesen trieben.


Und es stimmt: Rumänien hat sich verändert. Aber um zu beschreiben, wie genau es sich verän-dert hat, ist ein sehr differenzierter Blick gefragt, der die Gegensätze wahrnimmt und die Grenzen von EU-Fördermitteln erkennt. Ein Blick, der die wunderschöne Innenstadt Sibiu´s genau so sieht wie die kleinen, kaputten Häuser ohne Strom und Wasser in den umliegenden Dörfern. Ein Blick, der die neu-reichen Unternehmer erkennt, denen die Welt offen steht, aber auch die Bauern auf dem Dorf, deren Chancen auf ein besseres Leben sich nicht geändert haben.

Nach einem ersten Eindruck von Sibiu und von Rumänien erreichten wir Șelimbăr, ein Vorort von Sibiu, und das orange-strahlende „Haus der Hoffnung“, das ich von so vielen Bildern kannte. Ein Haus mit Geschichte. Ein Haus, das schon viele Geschichten miterlebt und viele Nutzungen erfahren hat und zu dessen Existenz so viele Menschen beigetragen haben. Zur Zeit wird es überwiegend als Altenheim geführt, und so begegneten uns gleich einige Senioren, die uns teilweise mit ihrem guten Deutsch überraschten.

(Anmerkung: Die meisten Mädchen wohnen zur Zeit in unserem Haus in Sibiu. Dieses Haus war ja die erste kleine Diakoniestation. Da sie teilweise sehr unterschiedliche Unterrichtsstunden haben, war es sinnvoll, sie dort unterzubringen. Bis auf die Schwestern Alina und Rebeca B., die im Haus fleißig mitarbeiten, wohnen jedoch weiterhin im "Haus der Hoffnung" in Şelimbar)

Aylin hilft Alina in der Küche      Athena, Narcisa (10Jahre) und
     Daniel (7Jahre)

Das wichtigste rumänische Wort, welches ich in den ersten Tagen lernen durfte, war: „Mulțumesc“ - „Dankeschön“. Diese Tatsache spiegelt die Gastfreundschaft, die wir an so vielen Stellen (oft in Form von köstlichem Essen, insbesondere Kuchen...) erfahren haben. Während unserem ca. 6-tägigen Aufenthalt in Rumänien, der durchgängig von Sonne und warmen Temperaturen begleitet wurde, haben wir die unterschiedlichsten Orte besucht und Menschen mit den unterschiedlichsten Geschichten getroffen.

Ob die ärmlichen Familien im Dorf Roşia, wo auf staubigen Straßen noch Pferdekutschen fahren, die etwas schüchternen Mädels aus dem Projekt "Esperanza" in ihrer „Riesen-WG“, die alleinerziehende Mutter in einem kleinen Hochhauszimmer in Kronstadt oder der erfolgreiche Unternehmer in seinem modernen Büro in Sibiu. Manchmal war eine Kommunikation durch einen Übersetzer möglich, manchmal konnte nur versucht werden, in einem Lächeln auszudrücken, was man sagen wollte.

Von zwei dieser Begegnungen möchte ich kurz berichten:

Einmal haben wir zwei von den ersten Mädels des Projektes besucht. Diese sind mittlerweile schon Ende 30 und haben eigene Kinder. Eine dieser Frauen wohnt mit ihren zwei Kindern im ersten Stock eines Hochhaus in Kronstadt, Braşov. Als sie uns in ihr Zimmer geleitete, war ich schockiert. In einem Zimmer, nicht größer als 14 Quadratmeter, wohnt sie mit ihren Kids, die 7 und 10 Jahre alt. Die Toilette befindet sich auf dem 4. Stock. Wenn sie baden wollen, benutzen sie eine rote Waschwanne. Mit Mühe passten wir alle in das kleine Zimmerchen hinein. Das Beeindruckende an dieser Begegnung waren die beiden Kinder. Der kleine Sohn strahlte pure Lebensfreude aus, lächelte die ganze Zeit und brachte die Erwachsenen mit seinen Kommentaren zum Lachen. Auch die große Schwester schmunzelte durchgängig. Wie unglaublich, dass sie unter diesen Umständen eine solche Freu-de hatten und diese so ausstrahlten!

In Roşia, einem Dorf in der Nähe von Sibiu, trafen wir eine Familie, die eine schlimme Zeit hinter sich hat. Nachdem der Ehemann die Ehefrau in einem Alkoholrausch umgebracht hatte und daraufhin ins Gefängnis musste, blieben die sechs Kinder zurück. Vier von ihnen wurden in ein Kinderheim gebracht und zwei von ihnen leben nun bei der Großmutter in einem kleinen Haus. Eine Familie, die schlimmes durchmachen muss und auf Hilfe angewiesen ist. Diese Geschichte hat mich sehr getroffen, gerührt und wird mir wohl noch lange im Gedächtnis bleiben.

Insgesamt war die Fahrt mehr als ein Hilfseinsatz und mehr als ein voller Anhänger mit Klamotten und Medikamenten. Es war ein Besuch, bei dem Beziehungen geknüpft und gefestigt wurden, ein Signal, um zu zeigen, dass Menschen nicht allein gelassen werden, und es waren-viele Begegnungen, in denen Wertschätzung vermittelt wurde. Alte Geschichten wurden fortgeführt, neue Geschichten sind entstanden und können nun erzählt werden.
Ich bin froh zu wissen, dass Gott alle Geschichten kennt und dass er ein Gott ist, der war, der ist und der sein wird.
                                                                                                                                                                                                                                                                      Aylin Koslowski

Mit Estera und Ana S., die uns als gute Über-

setzer begleitet haben. Die Deutschkent-

nisse haben sie sich selber beigebracht.

Letzte gemütliche Runde mit der Familie Horst, die im Juli zurück in die

Schweiz ziehen.

 

Sehr traurig und ein wenig wütend bin ich schon auf die Eltern der Schwestern Simone und Maria S.. Beide Mädchen haben einen sehr guten Schulabschluss. Wir wollten ihnen eine Ausbildung zur Krankenschwester ermöglichen, doch die Eltern, trotz intensiven Gesprächen, waren strikt dagegen. Ihre Argumentation, Mädchen brauchen keine fundierte Ausbildung. So mussten Beide zurück nach Hause, um dort in der Landwirtschaft etc. zu helfen und dann irgendwann zu heiraten.

 

 

 

 

 

 

Aber freuen dürfen wir uns, dass:
>das alle Mädchen fleißig sind und durchweg überdurchschnittliche Zeugnisnoten erhalten,
>Rebeca S. als Lehrerin für Deutsch/Rumänisch für die Kinder des Siemens Managers tätig ist

>Estera U. nach dem Abitur zurück zu ihren Großeltern gezogen ist, da sie nicht weiter studieren wollte

>Tania F. und Andres B. mit der Schule aufgehört  haben, um zu heiraten
>Daniela S. auch mit dem Abitur fertig ist und arbeiten geht                                                                                                                                                                                         

So sind im Moment noch 11 Mädchen, die unter unserer Obhut stehen. Mit dem neuen Schuljahr nach den Sommerferien sind schon einige Anfragen vorhanden, die Maria sorgfältig auf Bedürftigkeit prüfen wird.

   

Unsere Ferienanlage wird immer komfortabler.Mitte unten wird

das Wasser des Baches umgeleitetfür mutige "Kaltwasser-Wäscher"

  Zur Pflicht, der wir gerne nachkommen, gehört am Sonntag das Grüssen und die Predigt in der

  Gemeinde Rosia

 Immer wieder mit großer Dankbarkeit grüßt von ganzem Herzen, Euer

Ehrhart Weider

 

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